Ratgeber
Firmen blicken hinter die Fassade
Unternehmen prüfen bei der Einstellung von Fach- und Führungskräften immer stärker deren emotionale Intelligenz. Kandidaten können sich darauf einstellen.
Einleitung
Die berufliche Umwelt verändert sich in einer Weise, die den Bedarf für emotionale Fähigkeiten für Fach- und Führungskräfte drastisch ansteigen lässt. Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie, zunehmende Globalisierung und steigender Wettbewerbsdruck stellen neue Anforderungen in der Arbeitspraxis: Bedingt durch den Strukturwandel vergrößert sich der Bedeutungsverlust produktiver Tätigkeiten, während gleichzeitig alle Formen dienstleistender Tätigkeiten immer wichtiger werden.
Letztere erfordern von den Fachkräften ein erhöhtes Servicebewusstsein sowie kundenorientiertes Handeln. Um eine gute Beziehung zu Kunden und Geschäftspartnern aufzubauen und zu pflegen, ist das richtige Verständnis notwendig für das, was der andere braucht und kann. Es bedarf unter anderem der Fähigkeit, menschliche Netzwerke nachhaltig aufzubauen und zu pflegen. Daraus resultieren veränderte Anforderungen an die Mitarbeiter. Neben dem benötigten Fachwissen werden zudem allgemeine Persönlichkeitsmerkmale erforderlich, zum Beispiel Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, arbeitsplatzbezogene Motivation, Teamfähigkeit. Diese Eigenschaften sind im Spektrum der emotionalen Intelligenz (EI) anzusiedeln.
EI beeinflusst beruflichen Erfolg stärker als der IQ
Gleichzeitig steigen die Ansprüche der Mitarbeiter an das Unternehmen. Sie verlangen - ganz im Sinne eines job enrichment - mehr Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit am Arbeitsplatz. Kompetenzen und Verantwortung werden auf die unteren Ebenen der Organisation verlagert und damit die Selbstorganisation in der Arbeitsausführung gefördert. Für die Führungskräfte heißt das: Sie müssen einen mitarbeiterorientierten Führungsstil zeigen, gepaart mit entsprechendem sozialen Know-how. Gerade dort, wo Mitarbeiter eigene Entscheidungen treffen und der Vorgesetzte wenig Einblick in die erbrachte Leistung hat, ist von den Führungskräften emotionale Intelligenz gefragt. Sie müssen in der Lage sein, ihre Mitarbeiter auch ohne unmittelbare Fachkompetenz zu führen und zu motivieren.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff der emotionalen Intelligenz? Bekannt wurde der Ausdruck durch das gleichnamige Buch von Daniel Goleman, das monatelang die Bestsellerlisten anführte. Danach handelt es sich bei der EI um die ältesten Fähigkeiten, die wir Menschen besitzen. Es sind Fähigkeiten, die uns im Privatleben und im Beruf zu herausragenden Leistungen befähigen. Konzentrierte man sich bisher auf den IQ, um den Erfolg eines Menschen im Leben vorauszusagen, so hat sich das in der Zwischenzeit gewandelt.
Es wurde herausgefunden, dass der Einfluss des IQ auf den beruflichen Erfolg nur bei rund 25 bis 30 Prozent liegt, bei Führungskräften sogar nur bei etwa 15 Prozent. Hieraus schließen Kritiker, dass für die Vorhersagekraft des Erfolges die Ergebnisse der IQ-Tests weniger wichtig sind als die so genannten "inneren Werte" einer Person. Der EQ setzt genau hier an und bestimmt im Gegensatz zum IQ das Maß der sozialen Kompetenz des Einzelnen. Im Kern verstehen wir unter EI Qualitäten wie das Bewusstsein und die Kontrolle der eigenen Gefühle, Einfühlungsvermögen in andere Menschen, verbunden mit der Fähigkeit, soziale Beziehungen zu nutzen, sowie die Anlage, sich selbst zu motivieren und seine eigenen Emotionen so zu steuern, dass sich die eigene Lebensqualität und die der Anderen verbessert. Gerade die Einschätzung und Kontrolle der eigenen Gefühle bildet den Grundstein der EI und stellt eine Fähigkeit dar, die sich vor allem im beruflichen Kontext als sehr nützlich erweist.
EI ist schon von Geburt gegeben und beruht auf fünf Elementen: Selbstwahrnehmung, Motivation, Selbstregulierung, Empathie, soziale Fähigkeiten. Nach Goleman besteht ein Zusammenspiel zwischen der emotionalen Intelligenz und der rationalen Intelligenz (IQ). Beide seien nicht voneinander zu trennen und beeinflussten sich gegenseitig. "Das Gefühlsleben ist ein Bereich, der genau wie Rechnen oder Lesen mit mehr oder weniger Können gehandhabt werden kann und der spezifische Kompetenzen erfordert. Wie geschickt einer darin ist, entscheidet darüber, ob er Erfolg im Leben hat. Die emotionale Intelligenz ist eine reine Meta-Fähigkeit, von der es abhängt, wie gut wir unsere sonstigen Fähigkeiten, darunter auch den Intellekt, zu nutzen verstehen."
Emotionale Kompetenz ist erlernbar
Von der EI zu unterscheiden ist die emotionale Kompetenz. Ähnlich wie fachliche Kompetenz im Laufe des Lebens erlernt werden muss, ist emotionale Kompetenz dem Menschen ebenfalls nicht von Natur aus gegeben. So wie der IQ die Basis für fachliche Kompetenz bildet, stellt die EI die Grundlage für die emotionale Kompetenz dar. Emotionale Kompetenz ist wie die fachliche Kompetenz erlernbar, kann diese aber nicht ersetzen. Doch was nützt ein Verwaltungsleiter, der alle Vorgänge hervorragend beherrscht, aber kein Team führen und motivieren kann? Führungskräfte mit einer hohen EI nutzen ihre Kapazitäten, um das verbindende und kreative Potenzial ihres Umfeldes zu erschließen und zu den Mitarbeitern eine konstruktive Beziehung aufzubauen.
In Einstellungsinterviews spielt der Faktor "Emotionale Intelligenz" für Unternehmen und Bewerber eine immer bedeutendere Rolle. Unternehmen müssen herausfinden, ob der Kandidat über ausreichend emotionale Intelligenz verfügt. Der Kandidat seinerseits wird im Vorstellungsgespräch versuchen, seine emotionalen Fähigkeiten möglichst geschickt einzusetzen, um dadurch seine Einstellungschancen zu verbessern. Doch was können Bewerber tun, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und sich von Mitbewerbern mit ähnlichem Qualifikationsprofil durch geschickten Einsatz der kommunikativen Fähigkeiten abzuheben?
Aus den obigen Ausführungen lassen sich als wichtige Indikatoren für EI ableiten: eine optimistische Lebenseinstellung; Fähigkeit zur Eigenmotivation; schnell eine gute Beziehung (Rapport) zu fremden Menschen herzustellen (die Chemie muss stimmen); Menschenkenntnis; Fähigkeit, Gefühle einschätzen und vorhersagen zu können. Beim Interview geht es für den Bewerber darum, schnell eine gute Beziehung (Rapport) zum Gegenüber aufzubauen. Grundlage für einen guten Rapport ist die innere Einstellung des Bewerbers und seine Fähigkeit, sich seinem Gegenüber zuzuwenden. So ist es wichtig, sich vor dem Gespräch seine Stärken bewusst zu machen, um dadurch eine positive Grundhaltung aufzubauen. Zum Beispiel kann es helfen, sich berufliche Situationen, in denen man erfolgreich gearbeitet hat, noch einmal bewusst zu machen und sich in den damaligen Gefühlszustand hineinzuversetzen. Durch dieses positive Gefühl gestärkt, erhält man leichter eine optimistische Ausstrahlung.
Wie man für sich selbst positive Stimmung erzeugt
Einen Rapport kann der Bewerber ganz bewusst und gezielt herstellen, indem er im Laufe des Gesprächs die andere Person "spiegelt" (engl. pacing). Dieses "Spiegeln" kann verbal und nonverbal geschehen. Nonverbales Pacing kann zum Beispiel darin bestehen, die Körperhaltung des Gesprächspartners einzunehmen oder die eigene Körpersprache durch Atmung, Mimik und Gestik an den des anderen anzugleichen (wenn Erwachsene mit Kindern sprechen, gehen sie häufig spontan in die Knie, um von Angesicht zu Angesicht auf gleicher Augenhöhe miteinander zu reden; das ist nonverbales Pacing). Wichtig ist dabei, dass eine solche Übernahme möglichst unauffällig erfolgt, damit sie dem Gesprächspartner nicht bewusst wird und er das Verhalten nicht als Nachäffen empfindet. Aus diesem Grund sollte diese Technik nicht ungeübt in einem Bewerbungsgespräch eingesetzt werden, sondern zuvor ausprobiert werden.
Die Absicht des verbalen Spiegelns besteht darin, "die Sprache seines Gegenüber zu sprechen", damit die gesendeten Nachrichten auch die sind, die ankommen. Es kann darin bestehen, die Wortwahl oder den Satzbau einer anderen Person anzunehmen. Spricht der Interviewende in Bildern, so kann es für den Bewerber durchaus nützlich sein, seine Ausführungen ebenfalls in einer bildhaften Sprache darzustellen. (Carsten Steinert)
